Können wir heute noch von Irrlehre reden?
So wurde schon vor mehr als 10 Jahren in einem Aufsatz gefragt. Irrlehre sei kein Wort des Jahres, sondern eher im Gegenteil. In unserer Zeit stehe das eigene Ich mit seinen Wünschen und Wahrheiten und Meinungen so sehr im Mittelpunkt, dass eine Wahrheit oder Lehre, die für alle Geltung haben soll, nicht mehr akzeptiert wird. Aber was passiert, wenn wir uns mit dem Thema (Irr-)Lehre nicht mehr beschäftigen mögen?
Lieber offen drüber reden
Ich musste an eine Redensart denken, die sich zunächst nicht mit Lehre und Irrlehre, sondern mit dem Glauben beschäftigt: ‚Wo man den Glauben zur Tür hinausjagt, kommt der Aberglaube durch die Hintertür hinein.‘ Auf unser Thema angewandt bedeutet das: Wenn wir als Christen und Gemeinde nicht mehr offen über heilsame Lehre und Irrlehre reden, kommen verdeckt Urteile ins Gespräch, die einen vergleichbaren Rang beanspruchen. Das Richtige wird dann nicht als heilsame Lehre bezeichnet, sondern verbirgt sich hinter Wendungen wie „alternativlos“, „dahinter können wir nicht zurück“, „jeder vernünftige Mensch denkt so“. Die Irrlehre wird dann benannt als „no goes“, „das geht gar nicht“, „x-Phobie“ u.ä. Mit großem Nachdruck werden Themen und Positionen vertreten, ohne deutlich zu machen, ob es hier um den Unterschied zwischen heilsamer Lehre und Irrlehre geht – oder um christliche Streitthemen, bei denen man verschiedener Meinung sein kann. So möchte ich hier versuchen, dieses Thema, das über viele Jahrhunderte in der Kirchengeschichte ganz offen behandelt wurde, wieder etwas ans Licht zu holen.
Mainz
Bevor das Thema dieser Krelinger Briefe festgelegt wurde, war mir Irrlehre schon im Herbst begegnet. Da wurde ich eingeladen in den Theokreis nach Mainz (Spenerhaus). Der Theokreis hatte sich entschieden, das seltene, aber wichtige Thema Irrlehre zum Semesterthema zu machen. Meine Aufgabe sollte es sein, den biblischen Hintergrund, evtl. anhand des Judasbriefes, vorzustellen. Ich bin schon ein bisschen zusammengezuckt, als ich Thema und Text hörte. Aber dann war die Auseinandersetzung damit für mich sehr hilfreich und gewinnbringend. Anhand von vier Stichworten möchte ich einige Gedanken und Hinweise dazu geben:
Erlangen
Die zweite Hälfte meines Studiums habe ich in Erlangen verbracht und dort besonders in den Dogmatikvorlesungen von Prof. Slenczka viel mitgenommen. Hin und wieder sprach er von der „horos pisteos“, zu deutsch ‚Grenze des Glaubens‘. Dieser Ausdruck zeigt sehr schön, worum es bei unserem Thema geht. Es geht um die Frage, wo die Grenze ist zwischen der heilsamen Lehre, die aus unserer irdischen Verlorenheit in das Heil Gottes und in die Erlösung in Zeit und Ewigkeit führt.
Und was ist auf der anderen Seite der Grenze? Dort ist die Irrlehre, die letztlich von Gott und seinem Heil wegführt.
Irrlehre ist kein Kampfbegriff, sondern Teil eines wichtigen Ringens und einer wichtigen Frage: Was führt zum Heil und welcher Weg führt zum Unheil und Verlust des Heils? Welcher Weg führt in die Fülle Gottes und welcher in die Lehre (Leere!) des Menschen? Dieses Ringen ist kein Abgrenzungskampf, sondern das wichtige Ringen um die Frage, wo das rettende Ufer ist und der feste Grund. Und wo nicht! Und wie wir dem Nächsten, bei dem wir ahnen oder sehen, dass er noch nicht gerettet ist, den Weg zum rettenden Ufer zeigen.
Von Innen
Für den Abend in Mainz war mir der Judasbrief genannt worden, weil Irrlehre eins der Hauptthemen dieses sehr kurzen Briefes ist. Dort heißt es: „Ihr Lieben, da es mich drängt, euch zu schreiben von unser aller Heil, halte ich es für nötig, euch in meinem Brief zu ermahnen, dass ihr für den Glauben kämpft, der ein für alle Mal den Heiligen anvertraut ist.“ (V 3) Hier wird es noch einmal bestätigt, dass es an bestimmten Punkten um keinen Streit der Meinungen geht, sondern um zeitliches und ewiges Heilsein.
„Denn es haben sich einige Menschen eingeschlichen, über die schon längst das Urteil geschrieben ist. Unfromme sind sie, verkehren die Gnade unseres Gottes ins Gegenteil, in Ausschweifung, und verleugnen unseren alleinigen Herrscher und Herrn Jesus Christus.“ (V 4) Was Gemeinden immer wieder erfahren haben, wird hier beschrieben: Irrlehre ist oftmals kein erkennbarer Angriff von außen, sondern kommt leise von innen. Und auch zwei wesentliche Weichenstellungen, an denen wir in die Irre gehen können, werden angesprochen: Gnade ja, aber anders. Jesus ja, aber nicht als der eine Herr unseres Lebens.
Und um was geht es heute?
Jede Zeit ringt an manchen Punkten besonders um heilsame Lehre oder Irrlehre – oder müsste es jedenfalls tun. Ich wage es, zwei Punkte zu nennen, an denen sich m.E. in unserer Zeit am meisten entscheidet:
Zum einen die Schriftfrage. „Grundlage der Verkündigung in der Landeskirche ist das in Jesus Christus offenbar gewordene Wort Gottes, wie es in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gegeben ist“ – so steht es in der Verfassung einer großen Landeskirche. Wo diese Grundlage verlassen wird und Inhalte kritisch infrage gestellt oder relativiert werden, verlassen wir den heilsamen Grund, auf dem wir stehen können.
Der andere Punkt ist das Kreuz, an dem Jesus sein Blut vergossen hat, damit wir heil werden können. Wo diese göttliche Torheit (1.Kor. 1,18) durch menschliche Weisheiten verändert wird, haben wir es nicht mit christlichen Meinungsverschiedenheiten, sondern mit Irrlehre zu tun.
Sieben Hinweise
Zum Schluss: Der Judasbrief gibt uns 7 hilfreiche Hinweise (siehe Bild), wie wir uns in geschenkter Zuversicht auch in schwierigen Zeiten über das heilsame Evangelium unseres Gottes freuen können. Und sie können uns helfen, dass wir uns nicht mit eigenen Mitteln verkämpfen, sondern an der Seite unseres Gottes das Heil für uns und andere festhalten.



Autor: Karsten Vehrs
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